Herr Krischke, wann sollte man sich mit der eigenen Nachfolge beschäftigen?
Deutlich früher, als die meisten vermuten würden. Viele verbinden Nachfolge mit einem bestimmten Alter oder dem Abschied aus dem Unternehmen. Wirksame Nachfolgeplanung braucht aber einen langen Atem. Allein die persönlichen Freibeträge in der Erbschaft- und Schenkungsteuer erneuern sich alle zehn Jahre. Wer sie mehrfach nutzen möchte, benötigt also zwei, besser drei Jahrzehnte Vorlauf. Auch im Pflichtteilsrecht wirken sich lebzeitige Schenkungen erst über einen Zeitraum von zehn Jahren schrittweise aus. Mein Anspruch lautet daher: Nachfolge plant man nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten. Idealerweise beginnt sie dann, wenn das Vermögen noch wächst und nicht erst, wenn es übergeben werden soll.
Wo setzen Sie an, wenn eine Familie zu Ihnen kommt?
Immer bei der Gesamtvermögenssicht. Bevor wir über Testamente, Schenkungen oder Stiftungen sprechen, schaffen wir Transparenz: Welche Vermögenswerte gibt es, wo liegen sie, wem gehören sie, und welche Verpflichtungen stehen dem gegenüber? Dazu zählen Immobilien und Depots ebenso wie Unternehmensbeteiligungen, Versicherungen, Darlehen innerhalb der Familie, Auslandsvermögen oder digitale Werte. Erst auf dieser Grundlage lässt sich sinnvoll entscheiden. Wir betrachten die Situation dabei aus persönlicher, wirtschaftlicher, steuerlicher und rechtlicher Perspektive, immer in enger Abstimmung mit den Steuer- und Rechtsberatern der Familie.
Welche Fehler begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten?
Bestimmte Muster sind immer wieder zu beobachten.
Erstens: Es fehlt der Überblick. Das klingt banal, ist aber der häufigste Ausgangsfehler. Vermögen wächst über Jahrzehnte, verteilt sich auf mehrere Banken, Gesellschaften und Länder, und am Ende haben die wenigsten das vollständige Bild, oft nicht einmal der Eigentümer selbst. Umfragen zeigen, dass nur eine Minderheit ihre Vermögenswerte vollständig dokumentiert und mit den Erben besprochen hat. Ohne diese Übersicht plant man im Blindflug.
Zweitens: Man fängt zu spät an. Nachfolge fühlt sich nie dringend an, bis sie es plötzlich ist. Dann bleiben nur noch Lösungen, die schnell umsetzbar sind, nicht die, die am besten passen.
Drittens: Das Testament aus der Schublade. Viele Ehepaare haben vor langer Zeit ein Berliner Testament aufgesetzt. Seitdem ist das Vermögen gewachsen, es gibt Enkel, eine Immobilie mehr oder eine Beteiligung. Häufig passt die alte Regelung nicht mehr: Die Freibeträge der Kinder im ersten Erbfall bleiben ungenutzt, und Pflichtteilsansprüche können den überlebenden Partner in Liquiditätsnot bringen.
Viertens: Die isolierte Schenkung. Man überträgt gut gemeint Vermögen an die Kinder, ohne vorher durchzurechnen, was man selbst für den eigenen Lebensabend benötigt, und ohne Nießbrauch oder Rückforderungsrechte zu vereinbaren. Schenkung, Testament und eigene Versorgung müssen zusammen gedacht werden.
Fünftens: Die vergessene Handlungsfähigkeit. Nachfolge betrifft nicht nur den Todesfall. Was passiert, wenn man lebt, aber nicht mehr selbst entscheiden kann? Eine Vorsorgevollmacht nach Formular reicht bei größeren Vermögen oft nicht aus. Sie muss bei Banken, im Grundbuch und gegenüber Gesellschaften tatsächlich funktionieren.
Wie bindet man die nächste Generation sinnvoll ein?
Früh, schrittweise und ehrlich. Vermögen ist in vielen Familien noch immer ein Tabuthema, und viele Erben fühlen sich schlecht darauf vorbereitet, Verantwortung zu übernehmen. Einer der häufigsten Fehler ist, dass die nächste Generation erst im Erbfall erfährt, worum es geht. Dabei geht es zunächst gar nicht um Zahlen, sondern um Werte, Erwartungen und Rollen: Was ist der Familie wichtig? Soll das Unternehmen in der Familie bleiben? Wer möchte überhaupt Verantwortung übernehmen? Gerechtigkeit heißt dabei nicht zwingend Gleichbehandlung, aber jede Entscheidung sollte erklärt werden. In Unternehmerfamilien kann eine Familienstrategie oder Familiencharta helfen, diese Fragen verbindlich festzuhalten. Und ein neutraler Moderator erleichtert solche Gespräche oft erheblich.
Über die DZ PRIVATBANK
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